about

Prof. Bernhard Boës, Hochschule der Künste Berlin

Annett Glöckner arbeitet nicht für ein versnobtes Publikum.

Ihre Arbeiten sind engagiert, niemals platt, immer originell und überraschend in der Form,
amüsant, bestürzend, erwärmend und ein schlechtes Gewissen machend.

Ihre jetzt zwei Jahre zurückliegende Meisterschülerarbeit, in der sie unsentimal aber hautnah
das Tagesproblem einer Region und ihrer Bewohner in die Kunst geholt hat (ein Denkmal und ein Film),
war einmalig in der HdK und wird bald ein Klassiker sein.

Ihre Arbeiten wachsen am Problem und finden unerwartete passgenaue Formen dafür.
Sie arbeitet nicht am feinen Geschmack, sie arbeitet an der Wahrheit.

Berlin, 20. Oktober 1994

 

Jens Kanitz, Bildender Künstler

Die Arbeit von Annett Glöckner, das Gesamtpotential, ist unmittelbar, unverstellt, direkt.
Und als Betrachter sowohl der Objekte als auch der Bühnenarbeit werde ich verlockt zu meiner eigenen
Ursprünglichkeit.
Das ist manchmal unbequem.

Neuruppin, 2008

 

Regine Buddeke, Journalistin

„Kunstaktion mit Annett Glöckner“

Das Museum Neuruppin und die Aktions-Künstlerin Annett Glöckner befragten Neuruppiner nach Erinnerungen.
Es ist die vierte Station eines zweijährigen Projekts Durch-Einander: Diesmal ist der Standort das
WK III in Neuruppin.

Bei Harry Potter war es ganz einfach: man hat die Erinnerung einfach mit dem Zauberstab direkt aus
der Schläfe gesaugt und in einen Flakon gefüllt. Gut verkorkt hielt die sich da Jahrhunderte.
Dass es auch anders geht, bewies die Prignitzer Künstlerin Annett Glöckner am Sonnabend im Neuruppiner
WK III. Sie befragte die Passanten einfach nach ihren Erinnerungen und schrieb sie auf. Beziehungsweise
ließ aufschreiben. Bereit standen Tusche und Tinte, Federkiele und Schreibfedern, Kalligrafie-Pinsel
oder Fasermaler.

Aufgerufen zur öffentlichen Kunst-Aktion hatte das Museum Neuruppin.

Wir sind ja nicht nur der Historie verpflichtet“, erklärt Museums-Mitarbeiterin Dorothea Leicht, die das
Projekt betreut. Auch wolle man mit der Idee alle Menschen ansprechen – nicht nur klassische Museengänger.
„Wenn man viele erreichen will, darf man nicht warten, dass die Leute ins Museum gehen, sondern muss als
Museum zu den Leuten gehen“, sagt sie. Und bei den Erinnerungen der Neuruppiner wolle man gern einen Quer-
schnitt: von damals bis heute, Leute, die schon sehr lange oder auch erst kurz in der Stadt leben.
Das WK III – die Orte der Aktion wurden in einer „Lieblingsorte“-Umfrage ausgewählt – ist ein Pool für
unterschiedlichste Erinnerungen.

. . . Klaus erinnert sich noch gut an die Keksfabrik – er hat 33 Jahre dort gearbeitet. Am meisten erinnert
er sich an den „Wochenendbeutel“. Das war ein Beutel mit gemischten Keksen, den die Mitarbeiter zum Wochen-
ende bekamen.

Wir sprechen alle Leute an die vorbeikommen“, erklärt Glöckner. Manche wollen erst nichts sagen, sprudeln
dann aber förmlich vor Erinnerungen. Etwa über das Modderparadies für Kinder, das das WK III zu DDR-Zeiten
einmal war. Am Ende des Tages hängen Wäscheleinen voller Erinnerungen und flattern fröhlich im Wind.

Märkische Allgemeine Zeitung, 25.9.2017

 

Walter Aue, Schriftsteller

„Findlinge der Absonderung“

. . . So entdeckte ich im Garten des Gantikower „Lügenmuseums“ einen Pavillon, der mit alten hölzernen
Fundstücken gefüllt war, auf denen zu meiner Überraschung mit weißer Farbe eine Geschichte geschrieben war.
Eine Kunst, eine Literatur, die ich noch niemals gesehen hatte! Und vor Aufregung vergaß ich, sie zu lesen.
Mir genügte ihr Aussehen. Ihre Idee. Unter den beschriebenen Gegenständen ein alter Hocker, unbekannte
kistenartige Behälter, aus morschen Holzbrettern provisorisch zusammengenagelte Kästen. Ihre vom Alter und
Gebrauch gezeichneten Oberflächen waren ein wohltuender, fast rührender Kontrast, zu der kleinen weißen Schrift
von Annett Glöckner, der Künstlerin, die die abgesonderten Findlinge gesammelt, zusammengefügt und schließlich
geduldig beschrieben hatte.

Inzwischen habe ich Annett Glöckner nach Strodehne eingeladen, um in ihrer künstlerischen Darstellungsweise,
nämlich
Fundobjekte zu beschreiben, eine Ausstellung in meinem Fontane-Museum vorzubereiten. Die dafür notwendigen
Gegenstände fand ich in der Alltagsgeschichte unseres eigenen Dorfes . . .

Das bisher im Abseits gelegene Strandgut wird so eine Literatur, die wir mit beiden Händen ertasten können. In der
wir nicht nur die Narben ihrer ehemaligen Verwendung, ihrer Funktion und ihres Alters, ihrer jahreszeitlichen
Einwirkungen, sondern auch die Wärme der vergangenen Sommertage spüren können.   . . .

In einer bewusst dilettantisch erscheinenden Schreibschrift dem Lesenden ins Bewusstsein schreibt. Und das auf
zwei verrußten eisenbeschlagenen Türen von Räucherkammern!

Und Instetten „frostig wie ein Schneemann . . . nur mit Zigarre . . . als ob ihr Herz stillstände.“ Und Effi
Briest, seine junge Frau, verging vor Langeweile. Oder genauer: vor ungestilltem Lebenshunger. Hinter
verschlossenen Türen . . .

Es gibt kein Geschehen oder Ding, weder in der belebten noch in der unbelebten Natur, das nicht in gewisser
Weise an der Sprache teilhätte“, formulierte Walter Benjamin.   . . .

Strodehne, am 10. September 2007